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  ZERFRANZT. Geschlechter, Räume.


  Ein Auszug aus einem Vortrag von Susanne Hochreiter vom 18.04.2013 im Rahmen der Ausstellung
  «light shapes the shadow» im Kunstraum Bernsteiner (Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2013).

 

 

  Franz Kafka: Der Process.
  Kafkas Process verstehe ich als einen Vorgang, der die prekären (ideologischen) Voraussetzungen des

  Signifizierens, Bezeichnens, im Sinne einer stabilen Bezüglichkeit von Signifikanten und Signifikat, kenntlich

  macht. Walter Benjamin schreibt in diesem Zusammenhang, Kafka habe „alle erdenklichen Vorkehrungen

  gegen die Auslegung seiner Texte getroffen". 1 Die Bedeutungen bleiben schwebend. Die Antworten

  auf die dauerhaft eingeschriebene Frage danach, was die Dinge sind und wie sich über etwas denken,

  sprechen, schreiben lässt, bleiben Provisorium. Repräsentation geht von etwas Vorgängigem aus, von der

  Möglichkeit eines Existierenden, das abbildbar, darstellbar wird. Jacques Derrida hält dagegen: Die Darstellung

  der Sprache als „Ausdruck" ist nicht ein zufälliges Vorurteil, es ist eine Art strukturbedingter Täuschung, etwas,

  das Kant eine „transzendentale Illusion" genannt hätte. 2 Kafkas Texte verhandeln diese strukturbedingte

  Täuschung, machen den Zweifel an einer vorsprachlichen Existenz sichtbar; sie arbeiten gegen Vereindeutigung,

  gegen die Privilegierung eines Sinns. Diese Zeichenpraxis, die auch als Interferenz verschiedener Bedeutungs-

  konfigurationen beschrieben werden kann, durchkreuzt Repräsentationsrelationen.
  Und genau da, in der poetischen Infragestellung von Bezeichnungspraxis und Darstellungsmodi, dieser Technik

  der „Designifikation" sehe ich in den Texten von Franz Kafka die Verbindung von Raum und Geschlecht: die Kritik

  daran, wie diese als Kategorien hergestellt und naturalisiert werden.
  Raum ist immer geschlechtlicher Raum und Politiken von Raum sind ebenfalls immer vergeschlechtlicht und
  sexualisiert, auch wenn der Raum selbst dazu dient, diesen Zusammenhang unsichtbar zu machen, wie Beatriz
  Colomina betont 3. Pierre Bourdieu schreibt: „In einer hierarchisierten Gesellschaft gibt es keinen Raum, der

  nicht hierarchisiert ist und nicht die Hierarchien und sozialen Distanzen zum Ausdruck bringt, (mehr oder minder)

  entstellt und verschleiert durch den Naturalisierungseffekt, den die dauerhafte Einschreibung der sozialen

  Realitäten in die physische Welt hervorruft." 4
  Wir müssen nicht das alte Weib vor dem Marienbild oder den verschwindenden Diener bemühen, die K. sieht,
  um darüber reden zu können, was der Dom mit Geschlecht – mit Gender – zu tun hat. Der Dom ist als sakraler
  Ort und religiöser Raum in besonderer Weise vergeschlechtlicht: als Repräsentation einer androzentrischen und
  patriarchalen Geist- und Weltordnung ebenso wie in konkreter kirchlicher Praxis sowie in einer künstlerischen
  Ein Auszug aus einem Vortrag von Susanne Hochreiter vom 18.04.2013 im Rahmen der Ausstellung light shapes
  the shadow im Kunstraum Bernsteiner:

  Tradition, in der Künstler männlich sind und „Frauen" das Objekt der Kunst. Wie Räume generell – seien sie konkret
  oder abstrakt, privat oder öffentlich – durch spezifische Materialisierung von Hegemonie, durch Ausschlüsse und
  Zuschreibungen funktionieren, ist zentrales Thema im Process. Durch den unsteten Blick, durch die Bewegung, in
  die der Raum gerät, unterbricht der Text, der schon im Titel das Bewegliche und Veränderliche, aber auch einen
  Experimentcharakter andeutet, diese Ordnung. Die der Sprache wie den Bildern eingeschriebene Ordnung wird im
  Text beständig unterlaufen: indem Wahrnehmen kein Für-„wahr"-Nehmen ist – sondern bestenfalls in alten Bedeutung
  des Worts ein: „Aufmerksamkeit-Schenken".
  Das Erzählen von Licht und Schatten hat darin eine wichtige Funktion: als Frage nach der Bedingung der Möglichkeit
  von Wahrnehmung. Werner Heisenberg äußert in einem Vortrag 1969: „Die alten Regeln, nach denen man über zwei
  Jahrhunderte lang die Natur erfolgreich beschrieben hatte, wollten nicht mehr zu den neuen Erfahrungen passen.
  Aber auch diese Erfahrungen selbst waren in sich widersprüchlich." 5 An die Stelle von Eindeutigkeiten treten
  Wahrscheinlichkeiten: „weiß ich das eine, so weiß ich das andere nicht mehr genau". 6 Die Erkenntniskrise bezieht
  sich nicht allein auf mikroskopische Untersuchungen des Lichts, das sich manchmal wie ein Teilchen und manchmal
  wie eine Welle verhält, sondern auf sämtliches „Wissen", das nach alten Regeln erzählt und erzeugt wurde.
  Das Erkenntnisproblem verknüpft sich mit Krisen des Seins und der Verortung: mit der Krise des Ich, das nach Freud

  nicht mehr „Herr im eigenen Haus" ist, mit der Krise der Sprache 7, und mit einer Krise der bürgerlichen Geschlechter-

  ordnung. Die politische „Frauenfrage" und damit der Anspruch auf Autonomie eines weiblichen Subjekts sind um 1900

  jedenfalls nicht mehr nach den alten Regeln zu beantworten.
  In Kafkas Process, der so bildmächtig ist, scheint manches aus Stein und dann wieder aus Pappe, Dinge erscheinen
  und vergehen wieder, was unerklärlich dünkt, ist plötzlich ganz gewöhnlich: Das Licht vermehrt die Dunkelheit.

  Blickrichtungen, Redeweisen, Bewegungen, Raumdimensionen, Zeitverläufe werden auseinandergenommen und

  schief zusammengesetzt, Zeichenrelationen verrückt.
  „Frauen" und „Männer" sind darin Figurationen einer Ordnung, die keineswegs einer essenzialistischen Setzung
  entsprechen. Vielmehr werden sie als Geschlechtsidentitäten „unglaubwürdig" gemacht. 8


  Silvia Ederer: Light shapes the shadow
  Es gibt in Silvia Ederers Serie „final frame" ein Bild, das heißt 5 a.m. Ein anderes last sentence of a poem. Gewiss
  sind Ihnen auch die Titel hier aufgefallen, die Namen der Bilder, an denen man sich gern anhält, um nicht etwa

  versehentlich aus der Sprache zu fallen. Die Namen der Bilder in diesem Raum machen uns Angebote und geben

  verschiedene Hinweise – auf mögliche Bedeutungen, auf weitere Namen, Titel und auf Diskurse.
  A Room's Gender heißt das Bild hinter mir. Der Name ist nicht hier angeschrieben – Signifikant und Signifikat
  sind gewissermaßen disloziert. Ich nehme ein Blatt zur Hand, einen Grundriss, ein Bild, einen Text und versuche,

  mich zu orientieren: „Final frame" steht in Verbindung mit dem Ende eines Films, mit dem letzten Bild darin,

  das auch das Ende der Geschichte ist und, wie Silvia Ederer schreibt, „die letzte Möglichkeit einer Wende, die

  letzten Eindrücke des gefangenen Lichts, die letzte Sekunde einer konstruierten Wirklichkeit, oder wenn man so

  will der letzte Moment einer Illusion, der wir uns hingegeben haben." 9
  Das letzte Bild beinhaltet die ganze Geschichte – sowie jene Geschichten, die möglich gewesen wären und jene,
  die nicht möglich waren und vielleicht noch andere, die jenseits dessen liegen: zwischen Licht und Schatten
  vielleicht oder in einem Nebel, dessen Anfang und Ende unbestimmbar bleiben.
  Das letzte Bild zeigt das letzte Licht – vielleicht eines Scheinwerfers auf einen Vorhang, vor dem und hinter dem
  niemand ist. Es lässt sich eine Bewegung erahnen – einer Person, eines Gegenstands, die und der nicht mehr
  da sind. The absence etwa fokussiert, scheint es, auf Abwesendes. Das Licht gerinnt dabei zum Gegenstand
  selbst, der zugleich aus der Form läuft, in Wellen verläuft. Licht und Schatten suggerieren Form und Stoff, wo
  Bewegung sein könnte und Flüssigkeit oder anderes, das sich zeigt und darin verbirgt.
  Das letzte Bild ist der letzte Moment einer Wirklichkeit, die aus Bildern besteht und sich darin so vollständig

  behauptet, als gäbe es keinen dreidimensionalen Raum und als bräuchte es diesen gar nicht, um existieren zu

  können. Die Grenzen des Bildes sind noch lange nicht die Grenzen der Welt, aus der es kommt und die es erzählt.
  Wahrnehmung, Erfahrung, Ausdruck, Mimesis als zentrale Begriffe dessen, was Theodor Adorno „Urgeschichte
  der Subjektivität" bezeichnet, sind hier aus meiner Sicht keineswegs aufgekündigt, sondern was Adorno als

  „Urgeschichte der Subjektivität" im fortwährenden Zustand des Befragt-Werdens: und niemand, scheint es, fragt
  danach so dringlich, wie eine Person, die das letzte Bild sieht.
  Walter Benjamin hat das anthropologische Problem des Film-Sehens – die Passivität der ZuschauerInnen, ihre
  Ohnmachtserfahrung, nicht in das Geschehen auf der Leinwand eintreten zu können – weiter gedacht und eine
  Konstruktion des spezifisch filmischen Raums entworfen, in dem das Zusammenfallen von Publikum und Apparat
  mit einem Zusammenfallen von Künstlichkeit und Unmittelbarkeit einhergeht :10 Silvia Ederers gemalte letzte
  Bilder, die keine Filmbilder sind, sondern die Idee dieses letzten Moments repräsentieren, machen nun, was der
  Film als Film niemals macht: die Zeit im Bildraum still stellen. Die illusionäre Bewegung des Films, die Unbewussten".
  „Final frame" erscheint mir jedoch als Metapher nicht nur für diese Befreiung zu stehen, sondern zeigt auch etwas

  von der Provokation des Mediums, das behauptet, Phänomene sichtbar zu machen, die anders nicht erkennbar wären.


  Final frame und Der Process
  Wenn ich eine Verbindung herstelle und Ähnlichkeiten sehe, dann unter völliger Umgehung des alten Streits

  darüber, wie Poesie und Malerei als Künste jeweils nachzuahmen und abzubilden imstande sind. Ich sehe

  Ähnlichkeiten in Suchbewegungen: in der Erkundung dessen, was Wahrnehmung und Repräsentation sind,

  ebenso wie in der Erkundung der Kunst, deren Mittel und Möglichkeiten, die zugleich durch eben diesen Prozess

  erweitert werden. Hier ein  dargestellter Raum, „der als Inhaltsoption von Form, als Chimäre von Erinnerung und

  als Blendung eines vermeintlich Bekannten [...] selbst niemals in Erscheinung tritt", sondern, wie es in einem Text
  von Silvia Ederer weiter heißt, „dort, wo das Gegenständliche abbricht, eine Architektur des unsichtbar Abwesenden"

  bildet. 11 Da der Dom, wo Josef K. Lichter entdeckt, die zuvor möglicherweise noch nicht dagewesen waren, wo

  sich der Raum durch die zunehmende Dunkelheit verdichtet, als würde er sich mit Materie füllen und zugleich

  verschwinden. In der Erzählung steht die Zeit still. Der Raum läuft aus seinen Grenzen und die Dunkelheit
  macht ihn für Josef K. fast unerträglich groß. 12 Die Entkopplung von Signifikant und Signifikat ist nicht als
  Ablösung oder Ersatz von Bedeutung misszuverstehen, sondern die Gehalte sind aufgehoben im doppelten
  Wortsinn: erhalten und entfernt.

 

 

 

  __________________________________________________________

 

  1 Benjamin, Walter: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages, S. 422.
  2 Derrida, Jacques: „Semiologie und Grammatologie. Gespräch mit Julia Kristeva". In: Postmoderne und Dekonstruktion.

     Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Hg. von Peter Engelmann. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1993

     (Universal-Bibliothek, 8668), S. 158.
  3 Colomina, Beatriz: „Introduction". In: dies. (Hg.): Sexuality & Space. New York: Princeton Architectural Press 1992.
  4 Bourdieu, Pierre: „Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum". In: ders.: Stadträume. Hg. von Martin Wentz.

     Frankfurt am   Main, New York: Campus 1991, S. 26f.

  5 Heisenberg, Werner: „Die Bedeutung des Schönen in der exakten Naturwissenschaft (Vortrag von 1969)". In: ders.: Schritte

     über Grenzen. Gesammelte Reden und Aufsätze. München 1973. S. 303f. zit. nach Deppner, Martin Roman: „Körperräume

     und Leibbilder. Die „profane" Erleuchtung der Kunst". In: Leib- und Bildraum. Lektüren nach Benjamin. Hg. von Sigrid Weigel.

     Wien: Böhlau 1992, S. 116.
  6 Ebd., S. 117.
  7 Eine Krise, die Hugo von Hofmannsthal in seinem berühmten Text Ein Brief so beredt bezeugt: „Es zerfiel mir alles in Teile,

     die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich."

     Hofmannsthal, Hugo von: „Ein   Brief".   In: ders.: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Bd. 7: Erzählungen, erfundene

     Briefe und Gespräche, Reisen. Frankfurt am Main: Fischer 1979,   S. 466.8 Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter.

     Frankfurt am Main 1991, S. 208.

  9 Ederer, Silvia: light shapes the shadow. Aus dem Begleittext zur Ausstellung im Kunstraum Bersteiner, Wien, 9. März bis

     1. Mai 2013.
10 Koch, Getrud: „Kosmos im Film. Zum Raumkonzept in Benjamins „Kunstwerk"-Essay". In: Leib- und Bildraum. Lektüren nach

     Benjamin. Hg. von Sigrid Weigel. Wien: Böhlau 1992, S. 45.

11 Ederer, Silvia: Text zur Ausstellung im Kunstraum Bernsteiner (s.o.)

12 Kafka, Process, S. 221.

 

 

 

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